Wir sind so leichtgläubig - Über die Glaubwürdigkeit von Geschichten


In einer Woche, in der sich Deutschland darüber aufregt, dass Politiker zu KI greifen, um sich eine Rede schreiben zu lassen, und in der sich Verlagsleiter damit brüsten, dass auch sie eigene Kommentare mit KI produzieren, wird es immer schwieriger, die Kriterien für einen glaubwürdigen Text und eine glaubwürdige Haltung zu definieren.

Oder gar Wahres und Wahrhaftiges von Falschem und Fake News zu unterscheiden. Das Problem dabei ist nicht nur die Technologie, die zur Anwendung kommt. Das Problem geht viel tiefer:

Was wir glauben wollen

Der Psychologe Steven Frenda veröffentlichte 2012 im Journal of Experimental Social Psychology eine beunruhigende Studie: Frenda und sein Team konnten anhand eines Experiments mit über 5.000 Teilnehmenden belegen, dass Menschen offensichtlich falsche Nachrichten wesentlich leichter glauben und sich auch besser merken, wenn diese ihren eigenen Vorstellungen und vorgefassten Meinungen entsprechen.

Steven zeigte seinen Probanden eine Reihe von Stories, einige wahre und einige, die ganz klar erfunden waren. Zum Beispiel, dass Barack Obama dem iranischen Präsidenten die Hand schüttelt oder Georg W. Bush während des Hurrikans Katrina mit einem prominenten Baseball-Profi gemütlich Urlaub mache. Republikaner glaubten die Obama-Story eher, Demokraten erinnerten sich leichter an die Bush-Story. Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus beiden Lagern behaupteten sogar, dass sie die erfundenen Stories in offiziellen Nachrichten gesehen hätten.

Wir sind so leichtgläubig

Unter diesem Aspekt sei ein kritischer Blick auf ein Filmgenre erlaubt, das in den letzten Jahren Aufwind bekommen hat: Semidokumentationen und sogenannte Biopics. Wie beispielsweise der umstrittene Film Michael (2026) über Michael Jackson, oder aber auch die hochgelobte Miniserie Poldi (2026) auf Netflix von und über Fußballer Lukas Podolski.

Filmkritikerin Susan Vahabzadeh macht auf die Gefährlichkeit dieser Art des Erzählens aufmerksam. Ihre Filmkritik zu Vice — der zweite Mann (2018), eine Filmbiografie von Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay über den amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney, trägt den treffenden Titel „Riskanter Handel mit gefühlten Wahrheiten“, denn allzu leicht lassen wir uns hier, von dieser Art Geschichten, in unserer (vorgefassten oder gewünschten) Meinung über Menschen beeinflussen.

Filmbiografien folgen in der Regel dem historischen Verlauf der Geschichte und bilden in Teilen die Realität ab. Doch um die Story schlüssig zu machen, werden fiktiv Lücken geschlossen, die nicht dokumentiert sind. Oder sie werden von Protagonisten aus ihrer – subjektiv wahrgenommenen – Perspektive erzählt. Und genau hier beginnt das Problem: Das Publikum kann nicht unterscheiden, wo Wahrheit aufhört und Fiktion anfängt.

Und so urteilen wir als Zuschauer oft über eine Figur — und reale Person — anhand einer Mischung aus Realität und Fiktionalität, die sich zu einer undurchschaubaren, gefühlten Wahrheit zusammenbackt, die wir nicht mehr aus unserem Kopf verbannen können.

Was wissen wir über Mata Hari?

Susan Vahabzadeh ist ziemlich gnädig mit dem Kino, wenn es um die Verantwortung in dieser Frage geht:

„Wann immer sich das Kino die Wirklichkeit zum Vorbild nimmt, und das tut es wahrlich oft, wird irgendjemand darauf hinweisen, dass die Abbildung nicht akkurat ist. (…) Sich fehlende Teile für ein Portrait auszumalen, ist vollkommen normal — jeder Spielfilm nach wahren Begebenheiten muss das tun, weil nie jede Sekunde eines Lebens eindeutig belegbar ist. (…) Wer sich Greta Garbo in Mata Hari aus dem Jahr 1931 ansieht und dann glaubt, er wisse jetzt alles über die Spionin, deren Leben diese Geschichte so ungefähr erzählt, ist selbst schuld. Vice ist kein Dokumentarfilm“, so Vahabzadeh.

Doch bleibt ein fader Beigeschmack. Und der hat etwas mit den Zeiten zu tun, in denen wir heute leben. Vahabzadeh weiter: „Und doch fühlen sich Kinoliebhaber mit ungenauen Darstellungen nicht mehr so wohl wie früher. (…) Es hat früher andere Debatten übers Kino gegeben, über die Auswirkungen der Geschichten auf Menschen. Besonders heftig entbrannten sie um die Jahrtausendwende, als eine Reihe von Morden geschahen, die von Filmen inspiriert zu sein schienen, oder wo die Täter einen Film als Vorbild nannten. Es gab ein Natural Born Killers‘-Pärchen, einen Scream-Nachahmer, einen, der jemanden erstach und es auf American Psycho schob, als wäre die Kunst für sein Handeln verantwortlich.“

Heute aber geht es gar nicht mehr um diese großen Taten. Es geht um viel kleinere Ungenauigkeiten, die uns nervös machen sollten.

Viele kleine Lügen

Die Debatten um Fake News und Deep Fakes sind am Kino und an jedem Storyteller — egal ob im Entertainmentbereich, im Journalismus, im Marketing oder in der Unternehmenskommunikation — nicht spurlos vorübergegangen. Denn Fake News wirken auf eine ganz spezielle Weise. Auf perfide Art, als schleichendes Gift.

Aber wie dem begegnen? Mit Fact-Checks nach jedem Kinofilm, jedem Werbespot? Geht es nach Katarina Bader, Professorin für Online-Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart ist das ohnehin der falsche Ansatz.

Denn laut Bader schenken wir dem Falschen zu viel Aufmerksamkeit. Im Kampf gegen Fake News geht es gar nicht um die offensichtlichen Lügen und Irrationalitäten. Fake News wirken nicht einzeln, sondern sie entfalten ihre fatale Kraft durch viele kleine Lügen, die eine Erzählung zementieren.

Um zu verstehen, wieso krasse Falschmeldungen die öffentliche Meinung so sehr beeinflussen können, genügt es nicht, diese offensichtlichen Lügen zu analysieren und mit Fact-Checks zu widerlegen. Die Annahme, dass ein argloser Bürger auf Insta eine erfundene Meldung sieht, diese fälschlicherweise glaubt, arglos weiterteilt und sich dadurch das öffentliche Meinungsbild verändert, ist schlichtweg falsch. Dieses Szenario geht an der Realität vorbei.

Das Problem sind gar nicht so sehr die großen Lügen. Sondern es sind die „vielen kleinen Lügen, die die Realitätswahrnehmung langsam verschieben. (…) Durch viele kleine Lügen wird ein Narrativ etabliert, das sofort aktivierbar ist (…), wenn etwas passiert, das dieses Narrativ bestätigt“, so Bader.

Dabei hat die Medienwissenschaftlerin drei Narrative ermittelt, die durch das Zusammenwirken dieser vielen kleinen Lügen derzeit prominent sind: Erstens, das Bedrohungsnarrativ, das suggeriert, dass Deutsche von kriminellen Ausländern in ihrem alltäglichen Leben bedroht seien. Zweitens, das Vertuschungsnarrativ, wonach die politische Elite Deutschlands das eigene Land kriminellen Migranten ausliefere und dieses mithilfe von sog. Mainstream-Medien zu verstuschen versucht und drittens, das Diskriminierungsnarrativ, in dem „normale Menschen“ und Menschen mit rechter Gesinnung nicht gehört und diskriminiert werden.

Gegennarrativ — dringend gesucht

Alle drei Narrative sind laut Bader gesamtdeutsche Erzählungen, die weit verbreitet sind und geglaubt werden. Als Aufgabe der Wissenschaft sieht sie, diese Narrative einzuordnen und besser zu verstehen. Als Aufgabe für alle sieht sie, diese Narrative zu entkräften. Und dabei genüge es nicht, diesen Fact-Checks und Fakten zu begegnen. Stattdessen gilt es — so die Medienwissenschaftlerin — ein glaubwürdiges und wirkungsmächtiges Gegennarrativ zu etablieren.

Die richtige Story, die Wahl des richtigen Narrativs macht den Unterschied, sagt auch Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen:

„(Geschichten) sind Mythen des Alltags, Medium unserer geistigen Existenz, Ordnungsformen der Wirklichkeit. Sie stiften Sinn, verwandeln die Fragmente eines Lebens in schlüssige kausal verknüpfte Ereignisfolgen, die man sich immer wieder erzählt und irgendwann mit unbedingter Gewissheit glaubt. Auf einmal ist alles klar (…).“

Die Stunde der Erzähler

So sind wir Storyteller also Auslöser des Übels und Lösung zugleich. Ach, wie schwierig ist das doch. Wir dürfen uns nicht einfach dem Storytelling hingeben. Nicht kritikloses Eintauchen und in Fiktion abtauchen. Wir dürfen uns nicht einfach dem Eskapismus hingeben. Sondern müssen wachsam bleiben und verantwortungsvoll mit der Kraft der Geschichte umgehen — zumindest dort, wo Storytelling in irgendeiner Weise in Bezug zur Realität steht. Anstrengend und unendlich wichtig.

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Buchtipp: Wie man sein Narrativ findet und erzählt, das können Sie nachlesen in „Whats your Story? Leadership-Storytelling für alle, die etwas bewegen wollen“ von Petra Sammer, erschienen bei O´Reilly - aus dem Teile dieses Textes stammen.



This text was written by a human; AI tools were used for spelling and grammar checks. Photos by mp ilp - Unsplash

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