Storytelling ist keine Raketentechnologie, oder doch? Die pssst…Formel


Gregory Reid Wiseman, Kommandant der Artemis-2-Mission, dem ersten bemannten Flug zum Mond seit 1972, war bereits mehrfach im All. Auch 2014 – zusammen mit Alexander Gerst.

Über diese ganz besondere Mission hielt Gerst im Mai 2015 an der Universität Stuttgart eine Vorlesung. Der Hörsaal V27.01 war bis auf den letzten Platz gefüllt. Spontan wurde eine Liveübertragung in den Parallelhörsaal organisiert. In der ersten Reihe saßen Ernst Messerschmid, Mitglied der Challenger-Mission D1 von 1985, und Ulf Merbold, Mitglied der Spacelab-Mission 1983, Discovery-Mission 1992 und Besatzungsmitglied der Raumstation Mir 1994. Dahinter drängten sich Hunderte angehende Ingenieure und Ingenieurinnen der Luft- und Raumfahrttechnik.

Gerst sprach somit vor Fachpublikum. Eigentlich also kein Bedarf, irgendwie emotional zu werden oder unterhaltsam zu sprechen, oder? Doch Alexander Gerst bewies mit dieser Vorlesung, wie sehr sich selbst ein Fachpublikum mit guten Geschichten begeistern lässt.

Geschichten aus dem All

Dr. Alexander Gerst war 2014 Bordingenieur und Besatzungsmitglied der ISS – zusammen mit dem US Amerikaner Reid Wiseman und dem Russen Maxim Surajew.

Und genau diese einhundertsechsundsechzig Tage, die diese drei im All verbracht hatten, waren Thema der Vorlesung, auf die das Publikum in Hörsaal V27.01 wartete. Gerst, der Geophysiker aus Künzelsau, brachte hierfür nicht nur sein unerschöpfliches Wissen über den Flug der Sojus TMA-13M und die sechs Monate dauernde ISS-Expedition mit, sondern auch atemberaubende Bilder und eine Rede, die sechzig Minuten wie im Flug erscheinen ließen.

Dabei erfuhren sie, warum es ganz entscheidend für Astronauten und Astronautinnen ist, die eigene Konfektionsgröße der Unterwäsche zu kennen. Warum man im All Rasierschaum dabeihaben sollte. Warum es hilfreich ist, die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende zu kennen. Und dass auch Astronauten Google Earth bemühen müssen, um beim Blick aus dem ISS-Fenster die Stadt Köln zu finden.

Vor allem aber erfuhren sie, warum die komplizierteste Maschine, die je von Menschen gebaut wurde, nicht aufgegeben werden darf.

Na, Lust auf einen Ausflug auf die ISS bekommen? Die Vorlesung ist auf YouTube zu finden unter »Alexander Gerst an der Universität Stuttgart«.

Raketenformel: pssst…

Gerst ist nicht unbedingt ein eloquenter Redner. Aber er nutzt Storytelling-Techniken, die seinen Vortrag außergewöhnlich machen. Zum Beispiel liebt er es, ins Detail zu gehen. Nicht, um technisch zu brillieren, sondern um das Publikum mental auf eine Reise mitzunehmen. Und er nutzt Sprachbilder, um seine Themen buchstäblich „vor Augen zu führen“ und zu erläutern, ohne das Publikum zu überfordern.

Viele dieser Techniken sind keine „Raketenwissenschaft“, sondern einfach anzuwenden. Ein Großteil unserer Konversation im Alltag besteht aus Geschichten. Doch wenn wir diese Kommunikationstechnik bewusst einsetzen wollen — vor großem Publikum, vor Mitarbeitenden oder Kunden –, dann fällt uns das plötzlich schwer. Warum?

Ein Teil der Erklärung ist, dass wir die Spielregeln nicht kennen. Was wir unter Freunden, an der Bar und auf einer Party intuitiv anwenden, müssen wir im professionellen Umfeld mit Vorsatz anwenden. Vielen sind jedoch die Grundzüge guten Storytellings nicht bekannt.

Dabei sind die gar nicht so schwer. Um den Überblick zu behalten, seien hier die fünf entscheidenden Aspekte genannt — in einer Formel, die Sie sich leicht merken können: pssst…
  • p wie passioniert 
  •  s wie story 
  • s wie strukturiert 
  •  s wie sinnlich 
  •  t wie technisch 

p— wie passioniert

Fangen wir mit dem ersten „p“ an: p – wie passioniert. Gerst ist in seinem Vortrag die eigene Passion anzusehen. Wer will es ihm auch verdenken, ist doch Astronaut ein Traumberuf, zumindest für Kinder. Gerst hat diesen Traum für sich wahrgemacht. Doch obwohl an diesem Nachmittag im Hörsaal der Universität Stuttgart viele im Publikum diesen Traum teilen, legt der Geophysiker emotional nach.

Gerst tut das mit einem Bild. Die Aufnahme aus dem All stammt von der Cassini-Mission zum Saturn. Im oberen Bereich des Bildes sind riesengroß die Ringe des Saturns zu sehen, etwas unterhalb ein winzig kleiner blauer Punkt: die 1.600 Millionen Kilometer entfernte Erde.

Dieser kleine Punkt gab der Mission, mit der Alexander Gerst erstmals ins All fliegen durfte, ihren Namen: „Blue Dot Mission“. Und in diesen Namen legt Gerst die Bedeutung seiner Arbeit, und sogar die Bedeutung der Raumfahrt  gesamthaft: Die Welt, die uns hier so groß vorkommt, sie sieht aus dem Weltall betrachtet, unendlich klein aus. Sie ist unsere Heimat – einzigartig.

pssst… p wie passioniert: Alexander Gerst gibt in seinem Vortrag Einblicke in seine ganz persönliche Motivation. So gelingt es ihm, eine Verbindung zu seinen Zuhörern aufzubauen und ihnen die Welt mit anderen Augen zu zeigen. Was ist Ihre Passion und wie geben Sie diese an Ihr Publikum weiter?

s wie story

Die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg unterscheidet drei verschiedene Arten des Journalismus: der informative, der narrative und der performative.

Informativ richten sich Journalisten und Journalistinnen als Informanten an interessierte Leser. Parallel arbeiten sie aber auch mit narrativen Mitteln und sehen sich als Erzähler für ihr Publikum. Im performativen Modus schließlich verstehen sich Journalisten als Aussteller, deren Rezipienten auch schaulustig sind. Im Boulevardjournalismus, der gern in das Privatleben Prominenter hineinleuchtet, ist dieser Modus deutlich sichtbar. Aber auch seriöse Nachrichten haben „performative“ Anteile, da sie Nachrichten sichtbar machen und eben „zur Schau“ stellen. Lünenborg sieht die Kommunikationsleistung eines guten Journalisten darin, alle drei Aspekte gleichzeitig bedienen zu können.

Was für guten Journalismus Gültigkeit hat, das trifft letztendlich auch auf Rede und Präsentation zu.

Alexander Gerst nimmt in seiner Stuttgarter Vorlesung tatsächlich alle drei Rollen ein. Er ist Informant, Erzähler und Aussteller. Als Informant gelingt es ihm, Sachinformationen anschaulich zu machen. Dabei helfen ihm viele seiner Fotos. Doch die meisten Storys kommen ganz ohne Bilder aus — das Kopfkino genügt.

Fast beiläufig befolgt Gerst dabei eines der wichtigsten Gesetze des Storytellings, denn gute Geschichten zeigen nicht eine heile Welt, in der Erwartbares planmäßig in Erfüllung geht. Gute Geschichten zeigen das Leben, wie es wirklich ist, mit all seinen Ecken und Kanten, seinen Fehlern und Problemen, seinen Mühen und Schwierigkeiten. Denn gerade die Unzulänglichkeiten und Herausforderungen sind es, die uns interessieren.

So ist es für die Zuhörer nicht nur eine humorvolle Episode, wenn Gerst erzählt, dass einer seiner Kollegen auf dieser Mission die Konfektionsgröße seiner Unterwäsche zu klein angab und er daher sechs Monate lang in zu engen Unterhosen arbeiten musste. Oder aber Gerst berichtet von einem abgebrochenen Bolzen, der beim Zusammenbauen eines Experiments zerbrach. Um den Fehler zu beheben, muss ein Metallstück nachgesägt werden. Doch die Schwerelosigkeit verbietet diese Lösung, denn Metallspäne könnten in das Lebenserhaltungssystem gelangen und dieses blockieren. Gest macht der Bodencrew daraufhin einen überraschenden Vorschlag: Er könne doch mit seinem Rasierschaum das Metallstück einschäumen, um den Flug der Metallspäne zu vermeiden. Die Bodencrew testet den Vorschlag zwei Wochen lang — und gibt dann grünes Licht. Selbst im All kommt es also nicht nur auf Perfektion an, sondern auch Improvisation ist gefordert.

pssst… s wie Story: Mit welchen Anekdoten und Einzelbeispielen werden Sie in Ihrem nächsten Vortrag zum Informanten, zum Erzähler und zum Aussteller?

s wie strukturiert

Storytelling hat ganz unterschiedliche Gesichter. Einerseits versteht man unter Storytelling kleine Anekdoten innerhalb eines Vortrages. Wie beispielsweise das Eingeständnis von Gerst, dass er bei jeder Erdumrundung aus dem Fenster der ISS verzweifelt versuchte, die Stadt Köln zu orten. Er wollte von ganz oben auf seine Kolleginnen und Kollegen des DLR, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit Hauptsitz in Köln, herabschauen, wo er 2006 - zu Beginn seiner Astronautenkarriere - ein Sommerstipendium erhalten hatte . Letztendlich spickte Gerst bei Google Earth und verglich das Computerbild mit seinem Blick aus dem Fenster. Der Fehler war, dass er in der Schweiz gesucht hatte — knapp daneben in Weltraummaßstäben.

Solche Anekdoten bezeichnet man als „Storytelling“. Aber auch Struktur und Aufbau einer Rede, der rote Faden eines Vortrages, können als „Storytelling“ definiert werden.

Alexander Gerst strukturiert seinen Vortrag chronologisch. Er beginnt mit dem Einstieg in die Sojus-Kapsel, schildert dann den Start und Flug der Rakete, berichtet vom Andockmanöver und dem Einstieg in die ISS. Er erzählt von den ersten Tagen der Eingewöhnung und dem routinierten Ablauf des Alltags auf der Raumstation. Zum Schluss wird wieder in die Raumkapsel eingestiegen, abgekoppelt und zurückgeflogen, gelandet und nach Hause gefahren.

Zusätzlich zu diesem logischen und naheliegenden Aufbau versieht Gerst seine Rede aber noch mit einer Rahmenhandlung, einem Zirkelschluss. Denn das Foto der Cassini-Mission, das Gerst zu Beginn seiner Vorlesung zeigt, erhält ein Pendant, ein Gegenstück: Am Ende der Vorlesung zeigt Gerst den „Gegenschuss vom Blue Dot“.

Im ersten Bild waren links oben die riesigen Ringe des Saturns zu sehen und weiter unten ein winziger heller Punkt, die Erde. Im Schlussbild kann man links und rechts die Flügel der ISS erkennen. In der Bildmitte jedoch ist ein unendlich leuchtendes Meer an Punkten: die Milchstraße. Gerst beginnt seinen Vortrag mit dem Fokus auf die Erde. Und lenkt zum Schluss den Blick auf das All. Eine wunderbare Art, den Horizont des Publikums zu erweitern.

pssst… s wie Struktur: Welche Struktur geben Sie Ihrer nächsten Präsentation und welche Story zieht sich als roter Faden durch Ihren Vortrag?

s wie sinnlich

Wenn Alexander Gerst erzählt, dann zischt und faucht es. Es rumpelt und stinkt. Raumanzüge kneifen und 4,5 G-Kräfte schneiden einem die Luft ab. Der Lärm beim Start einer Rakete ist so ohrenbetäubend, dass man es kaum aushalten kann, und doch ist es innerhalb der Raumkapsel so ruhig, als würde man in einem Bus sitzen. Gersts Sprache ist plakativ, kraftvoll und bildreich. Die Zuhörer bekommen Geschichten zum Hören, Sehen, Fühlen und sogar Schmecken geboten. Alle Sinne werden bedient.

Gerst gelingt es, zu erzählen, als seien wir mit an Bord. Er bedient sich dabei einer Alltagssprache, die zu keinem Zeitpunkt banal wirkt. Gerst braucht keine Fachtermini, um sich zu profilieren. Wo er mit Umschreibungen nicht weiterkommt, bedient er sich bildhafter Analogien und Metaphern. Das Einsatzprotokoll wird zum Stundenplan in einer Studenten-WG, in der jeder mal ran muss, um die Toilette zu putzen. Ein sechsstündiges Andockmanöver wird zum endlosen Einparkversuch. Wissen wird aufgesogen, als würde man versuchen, aus einem Wasserschlauch zu trinken.

pssst… s wie sinnlich: Mit welchen Sprachbildern, Analogien und Metaphern machen Sie Ihren nächsten Vortrag zu einem sinnlichen Erlebnis?

t wie technisch

Was kann einen Menschen schon erschrecken, der 400 Kilometer über der Erde einfach zur Tür hinaus ins All spaziert ist? Mit Sicherheit hat er keine Angst, vor 800 Menschen aufzutreten, in ein Mikrofon zu sprechen und in eine Kamera zu blicken. Und schon gar nicht schreckt ihn das bisschen Präsentationstechnik. Oder?

Während der Vorlesung in Hörsaal V27.01 der Universität Stuttgart hat es Alexander Gerst leicht. Er muss sich nicht mit der Technik herumschlagen. Das macht Frau Götz für ihn, die Veranstaltungsassistentin der Uni. Sie kümmert sich um Laptop und Projektor.

Und doch ist Gerst für sein eigenes Auftreten verantwortlich. Keine Sorge, Sie müssen sich nicht so einen schneidigen Blaumann besorgen, in dem Gerst auftritt. Aber die Art und Weise, wie Sie sich auf der Bühne bewegen, wie Sie mit dem Mikrofon agieren und wie Sie vor der Kamera stehen, die können Sie sich sehr wohl von Alexander Gerst abgucken. Der hat nämlich einen Weg gefunden, sich zu präsentieren und sich dabei gleichzeitig wohlzufühlen.

Und das liegt an den Geschichten, die er erzählt. Gest freut sich richtig darauf, diese Anekdoten seinem Publikum zu präsentieren.

pssst… t wie technisch: Auch wenn Sie also noch nie mit 28.000 km/h geflogen sind, 2.566-mal die Erde umrundet haben, kein Bundesverdienstkreuz tragen und weit weniger faszinierende Vortragsthemen zu präsentieren haben als ein echter Astronaut, überlegen Sie, mit welchen Geschichten Sie Ihr Publikum überraschen könnten. Versuchen Sie, Ihr Publikum an der einen oder anderen Stelle zum Staunen zu bringen, und sprechen Sie die Relevanz, die Ihr Thema für Ihr Publikum hat, konkret an. Die tatsächliche Technik, PowerPoint und Co., die sind dann gar nicht mehr so wichtig.

pssst… Mit dieser Formel macht Ihnen Ihr Vortrag am Ende sogar Spaß. Wer hätte das gedacht.

Übrigens: Am 8. Juni 2018 um 15.01 Uhr dockte Alexander Gerst mit der Sojus-Raumkapsel erneut an der ISS an. Um 17.17 Uhr öffnete sich die Einstiegsluke, und dieses Mal betrat Gerst die Raumstation mit einem neuen Auftrag: Als erster Deutscher wurde er im Oktober 2018 zum Kommandanten der Station ernannt. Gersts zweite Langzeitmission dauerte 196 Tage. Im Dezember landete er wohlbehalten in der kasachischen Steppe — bepackt mit jeder Menge weiterer Storys. Gregory Reid Wiseman, mit dem Gerst erstmals auf der ISS diente, umrundete im April 2026 als Kommandant der Artemis-2-Mission den Mond und entfernte sich von der Erde so weit, wie nie ein Mensch zuvor.


Mehr über Storytelling und die Kunst der guten Rede erfahren Sie in meinem Buch „Whats your Story. Leadership-Storytelling für Führungskräfte“, erschienen bei O´Reilly (LINK).

Und in meinem Online-Kurs „Storytelling für Führungskräfte“ bei LinkedIn Learning, den bereits über 51.000 Teilnehmende erfolgreich durchlaufen haben.



This text was written by a human; AI tools were used for spelling and grammar checks. Photo by Bradley Dunn on Unsplash

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