Kein hässliches Entlein — Ihre Signature Story



„Ich wuchs in Charleston auf. Das ist eine stolze Südstaatenstadt (…). Und in Charleston ging ich auf eine Mädchenschule. Sie haben nicht die leiseste Ahnung, was es heißt, in einer Mädchenklasse zu sitzen, wenn man dicke Brillengläser, eine Zahnspange und orthopädische Schuhe trägt. Ich war halb jüdisch und halb WASP (White Anglo-Saxon Protestant). Mehr Außenseiter ging nicht. Als ich in den 80ern bei Salomon Brothers als erste Frau in einer Männerwelt anfing, konnte nichts Schlimmeres kommen — nichts Schlimmeres im Vergleich zur siebten Klasse einer Mädchenschule in Charleston.“

Dieses Mädchen, das von seiner siebten Klasse in Charleston erzählt, ist Sallie Krawcheck, von der Times wurde sie als „Global Influential“ gewürdigt und von Fortune als eine der »most influential persons under the age of 40“ ausgezeichnet.

Krawcheck war CEO von Smith Barney, einer Citibank-Tochter, und als erste Frau an der Wall Street übernahm sie die Verantwortung für über 13.000 Banker und Analysten. Zwei Jahre später wurde sie CFO der Citibank. Anfang der 2000er zählte sie zu den zehn mächtigsten Frauen der Welt. Das Mädchen aus Charleston, das einst eine dicke Brille, Spange und orthopädische Schuhe getragen hatte.

Die Geschichte vom kleinen Mädchen, das in der Mädchenschule schwer zu leiden hatte, erzählte Sallie Krawcheck erstmals 2006 in einem Interview mit dem FORTUNE Magazin. Und von da an wiederholte sie ihre Außenseiterstory, immer und immer wieder.

Diese Story ist das, was Personalberater Signature Story nennen. Ähnlich wie die Unterschrift (die Signatur) eines Menschen ist eine Signature Story einzigartig und nicht kopierbar. Und ähnlich wie Grafologen an die Aussagekraft einer Unterschrift glauben, so sagt auch eine Geschichte etwas über die Person aus, die sie erzählt.

Vom hässlichen Entlein zum Schwan

In der Story lernen wir eine ganze Menge über Sallie: Sie stammt aus dem Süden der USA, was für manchen Amerikaner schon aussagekräftig genug sein sollte. Charleston ist eine Stadt mit Tradition. Viele Bauten der Stadt sind original im Greek-Revival-Stil des 19. Jahrhunderts erhalten, kaum eine amerikanische Stadt konnte ihr Stadtbild so bewahren wie Charleston, das um 1690 der größte Umschlagplatz des Sklavenhandels war. Als Sallie Krawcheck ihre Geschichte erstmals erwähnt, zählt Charleston zu den zehn gefährlichsten Städten der USA. Auf 100.000 Einwohner kommen über 800 Gewaltverbrechen.

Krawcheck steht also bewusst zu ihrer traditionellen und auch rauen Herkunft und macht dem Publikum von vornherein klar: Nichts kann mich erschrecken. Und mehr noch. Sallie weiß sich durchzusetzen. Denn auch wenn nur die wenigsten der Zuhörer und Leserinnen eine reine Mädchenklasse selbst erfahren haben, reichen klischeehafte Vorstellungen aus, um sich in die Lage zu versetzen und zu verstehen, wie schwer es für ein Mädchen in so einer Klasse werden kann, das sich hässlich fühlt.

Aber sie hat es geschafft. Aus dem hässlichen Entlein mit Brille, Spange und klobigen Schuhen ist ein schöner Schwan geworden. Cinderella lässt grüßen und auch der Mythos des amerikanischen Traums: „You can do it!“

Unerschrockenheit, Durchsetzungsvermögen und Machereigenschaften sind die Qualitäten, die uns Sallie Krawcheck charmant mit ihrer kleinen Geschichte präsentiert — was will man mehr verlangen von der CFO der damals größten Bank, der Citibank, und einer der zehn mächtigsten Frauen der Welt.

Die Großzügigkeit des Storytellers

Eine persönliche Story ist ein mächtiges Instrument. Anstatt die eigenen Charaktereigenschaften, Werte und Überzeugungen nur aufzuzählen, was klischeehaft oder gar arrogant erscheinen könnte, präsentiert eine Signature Story unterhaltsamer, einprägsamer und effizienter.

Doch Vorsicht. Es geht dabei nicht um irgendeinen Schwank aus dem eigenen Leben. Eine gute Signature Story erfordert ein ganz besonderes Momentum - gepaart mit emotionaler Tiefe.

Anstatt »einfach mal eine Geschichte über sich« zum Besten zu geben, sollten Sie Ihr Publikum ernsthaft an einem entscheidenden Moment in Ihrem Leben teilhaben lassen.

Signature Stories nehmen das Publikum mit und laden auf eine Zeitreise ein. Diese Einladung ist eine offene, ehrliche und extrem großzügige Offerte. Denn es werden Einblicke in das ganz persönliche Leben und die Persönlichkeit des Redners gewährt. Es sind Einblicke, die selten und kostbar sind.

Viele glauben, dass gute Geschichten das Ergebnis spannender Abenteuer sind, die immer nur den anderen passieren. Aber im Leben „normaler Menschen“ passieren solche Dinge eigentlich nie. Also haben „normale Menschen“ auch keine interessanten Geschichten zu erzählen. Falsch!

Menschen, die viele Geschichten erzählen, leben nicht unbedingt ein aufregenderes Leben. Sie sind nur bereit, großzügig von ihrem Leben mit all seinen alltäglichen Schwierigkeiten und Problemchen zu berichten. Und sie tun das auf eine unterhaltsame Art und Weise. Offenherzigkeit und Großzügigkeit sind unter Storytellern weitverbreitete Eigenschaften, so Filmproduzent Peter Gruber, der fest daran glaubt, dass sich das Prinzip des Storytellings der Unterhaltungsindustrie auch auf Unternehmenskommunikation übertragen lässt:
“It demands generosity on the part of the storyteller. Why? Because it often requires being vulnerable — a challenge for many leaders, managers, salespeople, and entrepreneurs. By willingly exposing anxieties, fears, and shortcomings, the storyteller allows the audience to identify with her and therefore brings listeners to a place of understanding and catharsis, and ultimately spurs action.” — Peter Gruber in seinem Buch “Tell to Win”

Startpunkte für Ihre Signature Story

Seien Sie also großzügig bei Ihrer Signature Story und nehmen Sie Ihr Publikum mit auf die Reise. Führen Sie Ihre Zuhörer an einen für Sie persönlich wichtigen Zeitpunkt in Ihrem Leben, an einen bedeutenden Ort, oder zu Menschen, die für Sie wichtig waren und sind:

  • Erzählen Sie von einem schwierigen Moment, einem Problem, einer Entscheidung, vor der Sie standen. Ganz egal, ob Sie das Problem bewältigen konnten oder ob Sie scheiterten. Erzählen Sie, warum dieser Moment Ihrem Leben eine Wendung gab oder sich Ihr Blickwinkel dadurch verändert hat.
  • Erzählen Sie von einem heiteren Ereignis, das dazu beigetragen hat, dass Sie heute über einen bestimmten Aspekt in bestimmter Weise denken.
  • Berichten Sie von einer Lektion, die das Leben Ihnen erteilt hat oder die Sie aus Ihrer Karriere mitgenommen haben. Erzählen Sie, wie Sie diese Erfahrung gemacht haben und warum Sie die gewonnene Erkenntnis als „Geschenk“ an andere weitergeben wollen.
  • Erzählen Sie von einem Ihrer besten Lehrer und Ihrer besten Mentorin und davon, wie er oder sie Ihnen geholfen hat, Ihre Karriere weiterzuentwickeln, und Sie als Mensch geprägt hat. Sprechen Sie über Menschen, die Sie bewundern, die Sie beeinflusst haben, von denen Sie lernen und die ein Vorbild für Sie sind.
  • Erzählen Sie von einem Fehler, den Sie gemacht haben, und warum Scheitern manchmal hilfreich sein kann.
  • Suchen Sie für Ihre Story nach einem Moment in Ihrem Leben, der Sie tief bewegt hat und der unterstreicht, warum Sie heute so sind, wie Sie sind.
  • Beschreiben Sie einen Ort, der Ihnen viel bedeutet, und erzählen Sie die Geschichte dazu (eine Stadt, eine Garage, eine Küche, eine Ecke im Garten, ein Baum…).

Gehen Sie Schritt für Schritt diese Story-Optionen durch: Wozu fallen Ihnen spontan Geschichten ein? Wann müssen Sie länger nachdenken? Schreiben Sie Stichwörter auf und formulieren Sie dann ausführlich die Geschichte dazu. Ergänzen Sie gezielt Details und schmücken Sie Ihre Story bildreich aus. Helfen Sie Ihrem Publikum, sich in die Situation hineinzuversetzen. Testen Sie Ihre Story mithilfe guter Freunde. Diskutieren Sie gemeinsam, welche Geschichte relevant und unterhaltsam ist und welche Sie als Person am besten repräsentiert.

Am wichtigsten aber: Fangen Sie an zu erzählen.


Sie wollen noch mehr wissen über Storytelling? Dann lesen Sie weiter in: What´s your Story? Leadership Storytelling, von Petra Sammer, erschienen im O´Reilly Verlag. Oder aber Sie hören rein in das Training „Storytelling für Führungskräfte“ auf LinkedIn, das bisher über 51.000 Manager und Managerinnen absolviert haben. Hier der LINK.



This text was written by a human; AI tools were used for spelling and grammar checks.. Photo by Jason Richard on Unsplash

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