January 22, 2017

FRIEDRICH DÜRRENMATT ÜBER GESCHICHTEN - UND ÜBER PHYSIKER


  1. Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus. 
  2. Geht man von einer Geschichte aus, muss sie zu Ende gedacht werden. 
  3. Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat. 
  4. Die schlimmst mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein. 
  5. Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen. 
  6. Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen. 
  7. Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer zufällig wem begegnet. 
  8. Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. 
  9. Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie immer dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: Das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (z.B. Ödipus) . 
  10. Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig). 
  11. Sie ist paradox. 
  12. Ebenso wenig wie die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe vermeiden. 
  13. Ebenso wenig wie die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden. 
  14. Ein Drama über die Physiker muss paradox sein. 
  15. Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziel haben, sondern nur ihre Auswirkungen. 
  16. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen. 
  17. Was alle angeht, können nur alle lösen. 
  18. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen ,was alle angeht, muss scheitern. 
  19. Im paradoxen erscheint die Wirklichkeit. 
  20. Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus. 
  21. Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu überwältigen. 
21 Punkte zu den Physikern - von Friedrich Dürrenmatt
Quelle: http://www.ruhrbarone.de/friedrich-durrenmatt-21-punkte-zu-den-physikern/24789# / Photo: https://unsplash.com/

January 20, 2017

IN YOUR CREATIVE ELEMENT - A BOOK REVIEW


Was braucht man für gute Kreativität? Kreativitätstrainerin Claire Bridges vergleicht den Cocktail der Eigenschaften, Haltungen und Techniken, die Kreative einsetzen, mit dem Periodensystem der chemischen Elemente - und gibt einen umfassenden Überblick über den Mix, den es braucht, um auf neue Ideen zu kommen. Ein hilfreiches Buch für alle, die auf der Suche nach Rezepten für Kreativität sind - für sich selbst oder auch für das eigene Team. Diese kleine Buchbesprechung gibt einen Überblick und Einblick in die Inhalte.

January 15, 2017

TRUE ENOUGH - LEARNING TO LIVE IN A POST-FACT SOCIETY - A BOOK REVIEW


Warum bekommt man manche Bücher einfach zu spät in die Hand? "True Enough - Learning to Live in a Post-Fact Society" von Farhad Manjoo wurde bereits 2008 veröffentlicht. Doch erst jetzt - wo man überall über den Begriff "post-faktische Gesellschaft" stolpert - geriet das Buch in meine Finger. Dabei hätte man sich so manchen Ärger und Aufreger ersparen können, wenn man das Buch bereits vor Jahren gelesen hätte. Im Jahr, in dem Obama zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, macht der amerikanische Journalist Farhad Manjoo mit zahlreichen Beispielen aus Politik, Sport und auch Gesellschaftskritik darauf aufmerksam, dass sich das Meinungs- und Informationsverhalten drastisch ändert und wir auf eine Polarisierung und Zuspitzung von Meinungen zudriften. Das Ergebnis dieses Trends kann man heute betrachten. 

Es geht nicht um Fake - es geht um unterschiedliche Wahrheiten
Manjoo stellt bei seinen Betrachtungen jedoch vor allem in den Mittelpunkt, dass es müsig ist, sich über "Lügen" oder "Fake" zu beschweren, wenn die Gegenseite anderer Meinung ist oder andere Fakten zum Beweis anführt. Manjoo betont vielmehr, dass wir es mit "mehreren Wahrheiten" zu tun haben und dass man keiner Seite vorwerfen könne, dass sie lüge. Denn jeder sehe die Welt eben, wie er sie sehen will und glaubt dann tatsächlich, dass dies die "Wahrheit" sei. Dabei gehen wir selbst davon aus, dass wir selbst ganz objektiv urteilen. Manjoo führt dazu die Theorie des "Naive Realism" an, nach der Menschen für sich selbst Objektivität in Anspruch nehmen, obwohl sie selbst äußerst subjektiv urteilen und Fakten einsortieren - ohne es zu wissen. Und je mehr wir glauben, auf der richtigen Seite zu sein, umso mehr hören wir auch nur noch die Argumente und Fakten, die unsere eigene Wahrheit bestätigen. 

Die "Bubble" hat marginal mit Social Media zu tun
Unter diesem Aspekt ist die sog. "Bubble", in der wir angeblich alle leben, gar kein "Social Media Phänomen", sondern ein ganz altbekanntes Verhaltensmuster, das wir auch ohne Internet einsetzen: Wir wollen nur das hören, was wir auch tatsächlich hören wollen.

Paradox ist dabei: je mehr wir durch verbesserte Technologien einsetzten, um an Informationen herankommen, je mehr wir Bilder einsetzten, um uns zu beweisen, wie die Welt tatsächlich aussieht und je mehr wir uns weltweit vernetzten, um besser informiert zu sein, um so intransparenter, umso unübersichtlicher, umso komplizierter wird es für uns, die Wahrheit tatsächlich zu sehen. Da bleiben wir also lieber bei dem uns eigenen Weltbild, beim Bauchgefühl, bei der Vorahnung, bei altbekannten Wahrheiten - denn das Neue ist einfach zu schwer zu verstehen.

Doch dabei streiten wir uns letztendlich nicht mehr über unterschiedliche Meinungen, sondern zweifeln aneinander, ob wir das richtige wissen: "No longer are we merely holding opinions different from one another, we´re also holding different facts. Increasingly our arguments aren´t over what we should be doing (...) but, instead, over what is happening."

Ein sehr aufschlussreiches Buch über Meinungsmache, Meinungsmacher und die Zweifel, die wir über das Weltbild des jeweils anderen haben: True enough - Learning to Live in a Post-Fact Society von Farhad Manjoo.