Die erfolgreichsten Bilder der Welt
“I thought my days of writing about selfies were over.” So beginnt ein Blogbeitrag von Alicia Eler, Autorin des Buches The Selfie Generation, der Mitte 2025 in Hyperallergic erschien. Eler schreibt weiter: “I thought my book from 2017 had done its job: It chronicled the form’s rise into the mainstream, from becoming Oxford Dictionaries’ `Word of the Year´ in 2013 to transforming TV shows, pop psychology, marketing, and visibility for marginalized people. Today, the selfie has become so normalized that, like the texts I send and the air I breathe, I’d almost forgotten about it.”
Vor zehn Jahren machten rund zwei Drittel der Smartphone-Nutzer Selfies (Bitcom Studie 2015). Und dieser Wert hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht verändert (Survey Photo AiD 2025). Was erklärt die Beliebtheit dieser Bildkategorie?
Ich, Ich, Ich
Wir sind fasziniert von
der Tatsache, dass wir uns immer und jederzeit selbst ablichten können. Am 11.
Januar 2000 beschloss der Fotograf Noah Kalina sich täglich selbst zu
fotografieren. Immer in der gleichen Pose und mit dem gleichen, neutralen
Gesichtsausdruck. Zwölfeinhalb Jahre lang produzierte er jeden Tag ein „Selfie“
und montierte diese zu einem Film. „Everyday“ zeigt die
Wandlung eines jungen, glattrasierten 19-jährigen Teenagers zu einem reifen
Mann im Alter von 32 mit Vollbart – in 4.545 Selbstporträts.
Sicher, ein extremes
Beispiel – aber seien wir mal ehrlich: wir machen vielleicht nicht täglich ein
Bild von uns, aber jeden zweiten …? Na? Gucken Sie doch gleich mal nach.
Seit Erfindung der
Fotografie im Jahr 1826 standen die Fotografen immer hinter der Kamera. Die Macher
und Macherinnen eines Fotos waren unsichtbar und blieben anonym. Auf
Urlaubsfotos war diejenige, die die Fotos schoss, in der Regel nie zu sehen,
als wäre sie gar nicht dabei. Für eine gemeinsame Aufnahme musste man entweder
einen Passanten um Hilfe bitten oder den Selbstauslöser bedienen und schnell
ins Bild hechten.
Selbstkontrolle
Heute halten wir einfach
unser Smartphone vor die Nase und drücken ab. Das Bild ist oft schief und
verzerrt. Macht nix, es geht ja um den Moment. Wir sind die eigenmächtigen
Macher unseres eigenen Bildes. Wir zücken den Selfie-Stick, diese unsägliche
Verlängerungsstange, und vergrößern damit ein klein wenig unseren Blick auf die
Welt. Und drücken ab.
Das Selfie wird zum immerwährenden Spiegelersatz. Und scheinbar erkennen wir uns auf den schrägen Selfie-Bildern besser als im richtigen Leben. Die Journalistin Laura Hertreiter geht sogar so weit, zu behaupten, dass wir Selfies lieben, weil wir damit Kontrolle über uns selbst gewinnen.

Und uns damit selbst
optimieren. Im Februar 2025 veröffentlichten Wissenschaftler der School of
Psychology der Northwest Normal University in Lanzhou eine Studie, die nahelegt,
dass es einen Zusammenhang zwischen dem Online-Selfie-Verhalten von
Teenagerinnen – also dem Posten und Betrachten von Selbstporträts – und
psychologischen Faktoren wie sozialem Erscheinungsvergleich und
Körperunzufriedenheit gibt. Konkret: die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche,
die regelmäßig Selfies von sich machen, eher den Wunsch hegen, eine Schönheitsoperation,
einen kosmetischen Eingriff, an sich vorzunehmen.
Die Bildkategorie „Selfie“
definiert also nicht nur das eigene, persönliche Selbstbild, sondern bekommt
kulturell weitreichende Bedeutung, da sie selbst die Schönheitsnormen einer
Gesellschaft festlegt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Kampagne Reverse Selfie – die auf
die Gefahren dieser Bildkategorie hinweist.
Gefahr durch das eigene Bild
Das Selfie hat keinen
guten Ruf. Selfies gelten als Indikatoren für Narzissmus. Obwohl das „Selbstportrait“
kein neuzeitliches Internetphänomen ist. Kaum ein Künstler oder Künstlerin –
von Antike bis Moderne -, die sich nicht selbst auch porträtiert haben. Doch Handyporträts
sind nicht für die Ewigkeit geschaffen, wie es so manches Ölgemälde tut. Der Kultur- und Medientheoretiker Prof. Dr.
Ramón Reichert, Professor an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, hat
sich eingehend mit Selfies beschäftigt und eine Theorie des digitalen
Selbstporträts entwickelt.
Reichert verweist mit
seiner Arbeit nicht nur auf die kulturpessimistischen Perspektiven dieser
Bildkategorie, sondern betont auch das emanzipatorische Potenzial: „Selfie sind
die dominante Form der zeitgenössische visuelle Kultur“.
Die Zukunft des Selfies
Was ursprünglich nur eine
psychologische Analyse über eine Bildkategorie war, ist heute noch viel ernstzunehmender
geworden. Denn das eigene Gesicht, das Selfie – pardon, die FaceID, entsperrt
heute unser Smartphone und ermöglicht den Zugang zu Webseiten und Apps. Ja, wir
bezahlen mit unserem Gesicht.
Doch was heute noch wie
eine bequeme Entsperrtechnik wirkt, ist in Wahrheit nur der Anfang.
Gesichtserkennung wird künftig nicht mehr nur reagieren, wenn wir aktiv in die
Kamera blicken – sie wird im Hintergrund mitlaufen, uns erkennen, bevor wir uns
selbst erkannt haben. FaceID wird sich mit anderen biometrischen Merkmalen
verbinden, mit unserer Stimme, unserem Gang, vielleicht sogar mit unserer
Mimik. Die Authentifizierung verschwindet damit als bewusster Akt – und wird zu
einem permanenten Zustand.
Gleichzeitig verschiebt
sich die Bedeutung des eigenen Gesichts weiter: Es ist nicht mehr nur Bild,
nicht mehr nur Inszenierung, sondern Datensatz, Schlüssel, Währung. Systeme
werden Emotionen analysieren, Aufmerksamkeit messen, Kontexte auswerten. Und während
technologische Lösungen versprechen, all das sicherer und
datenschutzfreundlicher direkt auf unseren Geräten zu verarbeiten, wächst die
gesellschaftliche Debatte darüber, wem unser Gesicht eigentlich gehört. Das
Selfie war der Anfang einer visuellen Selbstermächtigung – FaceID ist ihre
algorithmische Fortsetzung.
Das Selfie ist längst mehr als ein Trend oder eine narzisstische Geste. Es ist Spiegel, Bühne und Datensatz zugleich – eine Bildform, die unser Verständnis von Identität, Kontrolle und Sichtbarkeit nachhaltig verändert hat. Wer über Selfies spricht, spricht deshalb immer auch über Macht, über Normen – und über die Zukunft unseres eigenen Gesichts.
Ein hilfreicher Einstieg in die Praxis des visuellen Erzählens findet sich auch im LinkedIn-Learning-Kurs „Visual Storytelling für Marketing und PR“ von Petra Sammer sowie in ihrem Buch Visual Storytelling (O’Reilly Verlag), die wertvolle Perspektiven und konkrete Techniken vermitteln, um visuelle Ausdrucksformen wie Selfies, Bilder und andere digitale Medien gezielt für Kommunikation in Marketing und PR zu nutzen.






